
Arkadienweg: Kleinhül – Wonsees mit Schloss Sanspareil – Kleinhül
Den kompletten Verlauf des Jean-Paul-Wegs finden Sie hier: Literaturportal Bayern
Samstag, 20. Oktober 2012. Schon wieder ein wunderschöner Herbsttag. Das goldene Wetter hört gar nicht mehr auf. Es ist fast schon zu viel des Glücks, denken wir noch. Mit dem Auto geht es nun von Hollfeld wieder nach Kleinhül – das sind nur sieben Kilometer. Hier beginnen wir die heutige und letzte Etappe. Es wird ein Rundweg werden, das wissen wir schon. Also von Kleinhül über Sanspareil und Wonsees, dann durch das Wacholdertal wieder zurück nach Kleinhül. Hier ist auch das Ziel des Weges.
Wehmut befällt uns ein wenig
trotz des leuchtend schönen Wetters, denn die Wanderung wird nun zu Ende sein. Auch jetzt mein Schreiben und auch der Reisebericht. Sechs Jahre sind vergangen – von der Wanderung 2012 bis zur Fertigstellung des »Reiseberichts« heute, im Jahr 2018. Es tat so gut, eine Aufgabe zu haben.
Jean Paul begleitet uns nun seit sechs Jahren. Sogar durch Höhen und Tiefen unseres Lebens. Wenn ich daran denke, was alles zwischenzeitlich passiert ist: Unfall, Geschäftsaufgabe von »Schneider & Zielinski Film«, neue Geschäftsgründung der »Kaffeestube MärchenWinkel«, unendliche Erschöpfung, Geschäftsaufgabe der Kaffeestube, Verlust der Berufe und Berufungen, geringste Rente – als freischaffendem Kleinselbständigen passiert das einem – Umzug in die Fremde und Fidels Tod. Da hat Jean Paul mich schon gehalten, obwohl ich ihn gar nicht kannte. Nein, es ist nicht das »Literarische« an ihm, sondern die Ahnung, einen ehrlichen, klaren, geraden, wahrhaftigen, warmherzigen, freundlichen, heiteren und so poetischen Menschen in ihm sehen zu dürfen. Darüber jauchzt meine Seele, als wollte sie so etwas Rettendes ausrufen wie: »Land in Sicht!«
Seine Poesie atmet pureste Liebe. Ist Wahrgenommen-Sein, und Witz, und Hin- und Zuwendung, aufrichtige Freude an Menschen und Mitgeschöpfen, an Wolken, Regen, Nebel, Tautropfen, Gebirg’ und Bächlein. Sie trägt mich – so wie sein Engel, der mich in schwarzer Nacht auf einer Wolke bettet, und ich am nächsten Morgen wieder lebe.
Auf zur letzten Runde
Wir parken unser Auto auf dem Parkplatz der »Bauernstubn« in Kleinhül, denn genau hier werden wir später wieder ankommen.
Um auf der anderen Seite des Dorfes den Anschluss an den Jean-Paul-Weg zu finden, müssen wir ein bisschen suchen. Es scheint, als führe er auf der Straße nach Großenhül weiter. Wir zweifeln. Müssen wir hier mit Fidel wirklich auf der Straße laufen? Nein, dort hinten, wo die Bank steht, geht es links durch die Felder und an Wäldchen vorbei. Gott sei Dank.
Über die Äcker und Wiesen steigt erdiger Duft. Es riecht nach Äpfeln, Pilzen, Wald und kühlen Gründen, nach Herbst und kommendem Winter, irgendwie. Ich kann es kaum beschreiben. Finde keine neuen Wörter mehr. Fast schäme ich mich dafür.
Da ist Stationstafel 155 »Schmetterling im Winterschlaf«. Und ich – ich halte mein Gemüt an Fidel fest. Er mag es so.
Der Schmetterling im Winterschlaf
Du schläfst
allein übrig
aus den Farben des Sommers,
und neben Dir schimmert
die Blume von Eis.
Auch die Zephire schlummern
und alle Gesänge sind
ins warme Auenland geflogen;
und die kalte lange Nacht
belagert feindlich
unser Haus und Licht.
O schlafe!
Du erwachst einmal
Aber schöner als wir.
Wenn du erwachst,
so ist die Erde warm und grün,
und der Himmel blau und mild,
Deine Schmetterlinge fliegen,
die Blumen stehen,
und überall findest du Liebe.
Dann stirbst Du,
aber Du sahst nur
Blumen und Geliebte.
Gefühle, Blumen und Schmetteringe leben desto länger, je später sie sich entwickeln.
Jean Paul »Levana oder Erziehlehre«
Noch ein letztes Stück bergan, vorbei an schattigen Waldrändern. Fidel läuft voraus, wartet oben am Weg auf uns und ruft: »Schaut, es ist ganz nah!«
Ja. Auch Stationstafel 156 »In Arkadien« sagt es.
In Arkadien
Und darf denn keine alte Hand eine junge drücken, wenn sie damit kein anderes Zeichen geben will als dies:
Auch ich war in Arkadien, und auch Arkadien bleib in mir!
(Ich) nehme, um in ein Arkadien, in ein Eden abzufliegen, keine größern Schwingen dazu als die vier eines Schmetterlings – welches poetische paradiesische Sein, wie der Papillon ohne Magen und Hunger zwischen Blüten und Blumen zu gaukeln, keinen Winter, keine lange Nacht und keinen Orkan zu erleben, das Leben in der weichen Jagd nach einem zweiten Papillon zu verspielen, oder wie Kolibri mit Blumenfarben zwischen Zitronenblüten zu nisten, um blühenden Honig zu schweben und in einem seidenen Hängbette zu schwanken!
»Ich denke, wir brauchen gar keinen (Plan) für so einen holden Tag und für ein so liebes Tal: wir pilgern und irren heute bloß nachlässig
am Adour (Fluss) das ganze Tal in die Länge durch und setzen uns bei jeder Hütte und
bei jeder neuen Blume nieder – und abends fahren wir im Mondschein zurück. – Das wäre in einem solchen Arkadien recht arkadisch und schäfermäßig. […]«
Sämtliche Zitate aus Jean Paul »Das Kampaner Tal«
Nun fliegen wir hinab ins Tal »Ohnegleichen«, wie »Sanspareil« übersetzt heißt. Vor uns glüht ein Blütenmeer. Im Herbst? Ja, der nützliche Senf macht es möglich. Als Zwischensaat ausgebracht schützt er die Felder im Winter vor Austrocknung, erfriert dann und wird im März zur Düngung untergepflügt. So gülden leuchtet er uns entgegen – das gefällt unserer Seele heute.
»Sanspareil« – so heißt das Dorf, in dem es auch ein sehr kleines Schloss mit natürlichstem, romantischstem, arkadischstem und schäfermäßigstem Felsengarten gibt. Hier aber war es der Felsengarten, der sich ein Schloss wünschte und nicht umgekehrt, wie sonst üblich. Markgräfin Wilhelmine entdeckte dieses Felsenidyll, das tatsächlich »ohnegleichen« zu sein scheint, und wünschte sich hier eine Eremitage, wie in Bayreuth, nur viel kleiner. Der Bayreuther Hofarchitekt Joseph Saint-Pierre machte es möglich. Ein Schloss so winzig, wie ich noch keines gesehen habe. Wegen seiner orientalischen Anmutung wird es auch »Morgenländischer Bau« genannt. Zu aller Erstaunen wächst mitten in dem kleinen Palast ein veritabler Baum. Die Erklärung dafür ist, dass der »Bau« kurzerhand um eine Buche herum errichtet wurde. Das nenne ich mal Naturschutz! Bilder googeln lohnt sich.
Der Felsengarten ist immer geöffnet, das Schloss jedoch nur zu bestimmten Zeiten und ausschließlich mit Führungen zu besichtigen. Vom 16. Oktober bis 31. März bleibt es geschlossen – also leider auch heute, an unserem Wandertag. Man sollte aber auf jeden Fall die gesamte Anlage besuchen!
Ursprünglich hieß das Dorf neben dem Felsengarten »Zwernitz« – wie die gleichnamige Burg, die über dem Ort thront. Wilhelmine benannte es einfach in »Sanspareil« um, weil eine ihrer Hofdamen voller Verzückung ausgerufen haben soll: »C’est sans pareil!« (Dies ist ohnegleichen!), als sie den Traum aus Felsen erblickte. Nur – der Franke tut sich mit solchen französischen Feinheiten schwer. Er spricht es einfach »Sannsbareill« aus. Das versteht hier jeder. So heißt ja Jean Paul hier auch »Schooh« oder »Schaah Pohl« oder auch »Schank Paul«.
Damit wir hier nichts verpassen, beschwört uns schließlich auch Landschaftstafel 28 auf dem Parkplatz von Sanspareil zu einer arkadischen Visite.
Sanspareil um 1800
Johann Gottfried Köppel verdanken wir nicht nur eine Reihe schöner kolorierter Kupferstiche von Sanspareil, er berichtet auch und vergleicht, denn »da, wo sich noch vor 30 Jahren der Hof belustigte, wo reiche Tafeln, große Jagden und andere Vergnügungen, öfters den häufigsten Zusammenfluß des Adels und des Volkes verursachten, und prachtvolle Feste die weite umliegende Gegend belebte« [… da stehen 1793] »mit Einschluß einiger herrschaftlichen Gebäude 25 Wohnhäuser und nur 19 Unterthanen. Eine Folge des kärglichen sterilen Bodens, der nichts hergiebt, was ihm nicht mit äusserster Mühe abgezwungen wird.«
Aber die schöne Anlage ist noch gut erhalten, ja sogar verschönert worden. Sanspareil geriet im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr in Vergessenheit, wurde aber um 1800 noch gerne besucht. Das Interesse gilt oft jedoch mehr der Natur als der kunstvollen Eremitage. Außerdem ist es nach wie vor schwerlich zu erreichen.
»Sanspareil ehemals Zwernitz (mit einem Schlosse und herrlichen Anlagen) ist ein Weiler 4 1⁄2 Stunden nordwestlich von Bayreuth, und 3 Stunden südwestlich von Culmbach, auf dem sogenannten Gebirge am Hainberge, wo man außer vielen Ammoniten, Bucciniten, Turbiniten, Cochliten, Belemniten, Astroiten, Pectiniten, Pectunculiten und Dendriten, auch Zingiberiten oder Ingwersteine findet … Von allen Seiten gelangt man hierher auf rauen Wegen, auf denen bald Hohlwege, bald Klippen und steinigte Berge den Zugang beschwerlich machen.«
Georg Wolfgang Augustin Fikenscher »Eremitage, Fantaisie und Sanspareil«
Gegenüber dem Schloss, im ehemaligen Küchenbau, aus dem die damaligen fürstlichen Partygesellschaften mit Speisen und Getränken versorgt wurden, befindet sich heute das Schlosscafé. Da es nur während der Sommersaison geöffnet hat, haben wir heute leider auch hier Pech. Schade – der Parkplatz am Schloss ist voller Autos. Bei diesem Wetter wimmelt es nur so von Wanderern und Kindern, Gäste hätte es also genug gegeben. Diese versammeln sich nun um die zwei Groß- und Sonderstationen 157 und 158, die den Parkplatz säumen. Ich beginne mit Groß- und Sonderstation 158 – einfach, weil mir diese Reihenfolge passender erscheint.
Jean Paul und die Gänsefüßchen – Sanspareil (2)
Jean Paul und Sanspareil
Die Natur dieser Gegend hat den Dichter besonders bewegt. Am 2. September 1810 besuchte Jean Paul nachweislich den Felsengarten von Sanspareil. Beim Gastwirt Münch in der Ortswirtschaft von Wonsees trug er sich ins Gästebuch ein: »Zum Andenken an diese artig auseinander gebrochene Schweiz, wahrscheinlich von Riesen, um sich ein wenig damit zu steinigen: Alles ist schön und vorhanden, sogar die Nachtigallen, die man aus der Erinnerung her hört. Nichts ist schlechter als die Feder, womit man sich einschreibt.«
Auch zum nahen Thurnau gibt es Bezüge. Jean Paul besuchte dort gelegentlich die Gräfin Caroline Wilhelmine von Giech. Hier faszinierte den Dichter auch die alte Lindenallee im Schlosspark, deren Reste noch bis 1968 bestanden. Jean Paul bezeichnete die mächtige Anlage als »hehrsten Laubdom Deutschlands«, in der »Fichte seine Reden an das deutsche Volk hätte halten sollen«.
Zu einem Dorf bei Thurnau gibt es eine besondere Beziehung: im »Unteren Wirtshaus« zu Hutschdorf (12 Kilometer von Sanspareil entfernt) konnte man die junge Dorothea Beyerlein als Gastwirtin antreffen, die spätere Rollwenzelin, in deren Rollwenzelei Jean Paul seit 1809 regelmäßig einkehrte.
Im Reich des Felsengartens
»Jenen französischen Namen, welcher üblich ist, dankt es der Bewunderung einer Frau von Sonsfeld, Oberhofmeisterin bey der verstorbenen Hohheit zu Baireuth. Als man ihr die Schönheiten dieser Einsiedeley zeigt, soll sie in Entzückung ausgerufen haben: ah! c’est sanspareil [= ohnegleichen]. Dieser Wald, der aus Nadel- und Laubholz besteht, ist gewiß ein in seiner Art einziger Lusthain.«
Johann Michael Füssel, 1784
Die Konzeption des literarischen Programms des Felsengartens verdankt sich der Idee der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, die die natürlichen Gegebenheiten den Schauplätzen des damals berühmten (fürstlichen) Erziehungs-Romans »Die Abenteuer des Telemach, Sohn des Odysseus« von Francois de Salignac de La Mothe-Fénelon/1651‒1715) zuordnete und frei gestaltete.
Damit vollendete sie 1748, zur Hochzeit ihrer Tochter Elisabeth Friederike Sophie, ein theatralisches Gebilde zwischen Natur und Kunst, zwischen Empfindsamkeit und Rokoko, das Prinzipien englischer Gärten und der Romantik vorwegnahm und am Ende in einem Ruinentheater als Bühne der Vergänglichkeit gipfelt. Fénelons Roman schildert die Suche und den Weg des jungen Griechen Telemach, der von der Göttin Minerva – in Gestalt des weisen Mentor – durch verschiedene Prüfungen, Gefahren und Versuchungen geleitet und mit aufgeklärten Fürstentugenden vertraut gemacht wird: ein Einweihungs- und Entwicklungsweg also für Seele und Geist. Im Felsengarten kann der Besucher diesen Bildungsweg, den Markgräfin Wilhelmine allerdings nicht so ganz ernst nahm wie ihr puritanischer Schwiegervater Friedrich Carl, im wahrsten Sinn des Wortes nachgehen.
Auch Jean Paul war mit dem Werk des Erzbischofs und Autors Fénelon vertraut. Für den Dichter, der sich als Lehrer und Verfasser verschiedener Erziehungsromane (»Hesperus«, »Die unsichtbare Loge«, »Titan«) und der Erziehungslehre »Levana« für die Pädagogik einsetzte, war er gar »der heilige Fénelon« (»Titan«, 114. Zykel), da man den Franzosen für einen reinen Vertreter der aufklärerischen Ethik hielt. In seinen Werken nimmt Jean Paul einige pädagogische Ideen des Telemach auf, etwa die »amour pur«, die »reine Liebe« im »Titan«. Hier bezeichnet der Erzieher Schoppe seinen Schüler Prinz Albano nicht grundlos als Telemach und sich selber als Mentor.
Wortschöpfungen
Bleiben werden kaum die 65 Bändchen der Gesamtausgabe, die im 19. Jahrhundert erstellt wurde und heute ungelesen im Regal verstaubt. Seine großen Romane, einst weit verbreitet und viel diskutiert, werden nur noch von wenigen Lesern durchgearbeitet. Unter seinen Erzählungen genießt lediglich der »Wutz« eine gewisse Popularität. Aber bleiben werden viele geflügelte Worte, wovon zahlreiche Aphorismen-Sammlungen mit Zitaten von Jean Paul zeugen. Und bleiben werden einzelne Begriffe, die von Jean Paul erfunden wurden und noch heute in aller Munde sind.
»So reich springen aus dem Boden unserer Sprache überall neue Quellstrahlen auf, wohin der Schriftsteller nur tritt, daß er fast mehr zu meiden als zu suchen hat, und daß er oft im feurigen Gange der Arbeit kaum weiß, daß er ein neues Wort geschaffen hat.«
Seine Neuschöpfungen haben den deutschen Sprachschatz ungemein bereichert, wobei kaum einem Sprecher bekannt sein dürfte, dass ein Wort wie »Gänsefüßchen« von Jean Paul kreiert wurde. Vorher nannte man die Anführungszeichen »Gänseaugen« oder »Hasenöhrchen«.
Zu seinen weiteren Neuwörtern gehören die deutschen »Dichter und Denker« (vorher sprach man von »Denkern und Dichtern«).
Die »Flegeljahre« – so heißt einer seiner großen Romane – hat er, ebenso wie das Wort »Nihilist«, als einer der ersten gefunden, der »Weltschmerz« aber, der zu einer prägenden Formel der Romantik werden sollte, geht ganz allein auf sein sprachschöpferisches Konto.
»Krähwinkel« heißt ein imaginärer Ort, der heute noch zitiert wird, wenn es um provinzielle Zustände geht.
Die »Potemkinschen Dörfer« hat er – in genau dieser sprachlichen Form – in die Literatur eingeführt.
Das »Fremdwort«, der »Geburtshelfer«, das »Eiweiß«, das »Sprachgitter«, die »Leihbibliothek«, der »Fallschirm«, der »Doppelgänger«, die »Imponderabilien», die »Gefallsucht«, das »Abbild«, die »Ehehälfte«, das »Kerbtier«, »neureich« – all diese sehr gebräuchlichen Begriffe gäbe es wohl nicht, hätte der geniale und originelle Sprachmagier Jean Paul sie nicht erfunden.
Und so lohnt es sich vielleicht doch, den Dichter wieder einmal in die Hand zu nehmen und sich seinem Sprachreichtum zu öffnen.
Wir schütteln beide den Kopf. Wird Jean Paul von den Wegmachern hier tatsächlich nur auf Wortneuschöpfungen und Aphorismen reduziert? Als wäre der Rest seines Werks gar nicht mehr lesenswert?
Jetzt Groß- und Sonderstation 157.
Jean Paul und der Ruhm
Jean Paul im Gedicht
Johann Wolfgang von Goethe
aus »Musen-Almanach für das Jahr 1797«
»Einen Chinesen sah ich in Rom; die gesamten Gebäude
Alter und neuerer Zeit schienen ihm lästig und schwer.
›Ach!‹ so seufzt’ er, ›die Armen! ich hoffe, sie sollen begreifen,
Wie erst Säulchen von Holz tragen des Daches Gezelt,
Daß an Latten und Pappen, Geschnitz und bunter Vergoldung
Sich des gebildeten Augs feinerer Sinn nur erfreut.‹
Siehe, da glaubt ich, im Bilde so manchen Schwärmer zu schauen,
Der sein luftig Gespinst mit der soliden Natur
Ewigem Teppich vergleicht, den echten, reinen Gesunden
Krank nennt, daß ja nur Er heiße, der Kranke, gesund.«
Goethe schreibt hier verschlüsselt über Jean Paul, der nicht recht zu den Weimarer Klassikern passen wollte.
aus »Lyrische Gänge«, 1882
J. Paul Fr. Richter.
»O du, dem unter Narrheit, unter Witzen
Der Sehnsucht Zähren an der Wimper blitzen,
In Schmerz und Schmerzen schwärmender Bacchant!
Der Kunstform unbarmherziger Vernichter!
Du Feuerwerker, der romanische Lichter,
Raketen aufwirft, Wasser, Koth und Sand!
O du, dem hart am überschwellten Busen
Ein Spötter wohnt, ein Plagegeist der Musen,
Der Todfeind des Erhab’nen, der Verstand!
Grabdichter, Jenseitsmensch, Schwindsuchtbesinger!
Herz voll von Liebe, sel’ger Freude Bringer
Im armen Hüttchen an des Lebens Strand!
Du Kind, du Greis, du Kauz, Hanswurst und Engel!
Durchsicht’ger Seraph, breiter Erdenbengel,
Im Himmel Bürger und im Bayernland!«
Ganz im Ernst – ich hab jetzt keine Ahnung, was dieser Text von mir will. Ich verstehe weder das, was Goethe ausdrücken wollte, noch das, was Herr Vischer hier loswerden möchte. Ist ja auch »verschlüsselt«, wie es heißt. Aber die Texte klingen irgendwie gehässig, fast schon fies – muss ich sagen. Und platt. Intelligent ist das nicht. Ob dieser Gedichte kommt mir Jean Paul nur noch moderner vor. Und Jean Paul war sehr modern, sehr seiner Zeit voraus. Mir persönlich erscheinen da die anderen beiden hier eher altbacken.
Und ehrlich gesagt – ich weiß auch nicht, was diese Texte auf dieser Tafel hier sollen? Wie soll ein Wanderer, der nicht Literaturwissenschaft studiert hat, das begreifen oder gar die kulturhistorischen Zusammenhänge erkennen? Ich sehe förmlich die Fragezeichen in den Gesichtern. Jean Paul tut man damit keinen Gefallen. Wirklich nicht.
Weiter im Text der Groß- und Sonderstation.
Was die Großen über ihn dachten
Karl Philipp Moritz
in einem Brief an Jean Paul, 1792
»Der Wutz’ Geschichte verfasst hat, ist nicht sterblich.«
in einem Brief an Goethe über Jean Paul, 1796
»Fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist, voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht.«
aus einem Brief an Johann Friedrich Benzenberg, 1798
»Eine solche Verbindung von Witz, Phantasie und Empfindung möchte auch wohl ungefähr das in der Schriftsteller-Welt sein, was die große Konjunktion dort oben am Planeten-Himmel ist. Einen allmächtigern Gleichnis-Schöpfer kenne ich gar nicht.«
aus »Noten und Abhandlungen zu besserem
Verständnis des West-östlichen Divans«, 1819
»Ein so begabter Geist blickt, nach eigentlichst orientalischer Weise, munter und kühn in seiner Welt umher, erschafft die seltsamsten Bezüge, verknüpft das Unverträgliche, jedoch dergestalt, dass ein geheimer ethischer Faden sich mitschlinge, wodurch das Ganze zu einer gewissen Einheit geleitet wird.«
in einem Brief an Achin von Arnim, 1825
»Nach Goethe halte ich ihn für den größten deutschen Autor.«
aus »Die romantische Schule«, 1836
»Man hat ihn den Einzigen genannt. Ein treffliches Urteil, das ich jetzt erst ganz begreife, nachdem ich vergeblich darüber nachgesonnen, an welcher Stelle man in einer Literaturgeschichte von ihm reden müßte. Er ist fast gleichzeitig mit der romantischen Schule aufgetreten, ohne im mindesten daran teilzunehmen, und ebensowenig hegte er später die mindeste Gemeinschaft mit der Goetheschen Kunstschule. Er steht ganz isoliert in seiner Zeit, eben weil er, im Gegensatz zu den beiden Schulen, sich ganz seiner Zeit hingegeben und sein Herz ganz davon erfüllt war. Sein Herz und seine Schriften waren eins und dasselbe.«
aus »Der grüne Heinrich«, 1854
»Ich hatte, nach Büchern herumspürend, in der Leihbibliothek unserer Stadt einen Roman des Jean Paul in die Hände bekommen. In demselben schien mir plötzlich alles tröstend und erfüllend entgegenzutreten, was ich bisher gewollt und gesucht oder unruhig und dunkel empfunden: gefühlerfülltes und scharf beobachtetes Kleinleben und feine Spiegelung des nächsten Menschentums mit dem weiten Himmel des geahnten Unendlichen und Ewigen darüber; heitere, mutwillige Schrankenlosigkeit und Beweglichkeit des Geistes, die sich jeden Augenblick in tiefes Sinnen und Träumen der Seele verwandelte; lächelndes Vertrautsein mit Not und Wehmut, daneben das Ergreifen poetischer Seligkeit, welche mit goldener Flut alle kleine Qual und Grübelei hinwegspülte und mich in glückliche Vergessenheit tauchen ließ; vor allem aber die Naturschilderung an der Hand der entfesselten Phantasie, welche berauscht über die blühende Erde schweifte und mit den Sternen spielte wie ein Kind mit Blumen, je toller, desto besser! Diese Herrlichkeit machte mich stutzen, dies schien mir das Wahre und Rechte! Und inmitten der Abendröten und Regenbogen, der Lilienwälder und Sternensaaten, der rauschenden und plätschernden Gewitter, die der aufgehenden Sonne das Kinderantlitz wuschen, daß es einen Augenblick sich weinend verzog und verdunkelte, um dann umso reiner und vergnügter zu strahlen, inmitten all des Feuerwerkes der Höhe und Tiefe, in diesen saumlosen schillernden Weltmantel gehüllt der Unendliche, groß, aber voll Liebe, heilig, aber ein Gott des Lächelns und des Scherzes, furchtbar von Gewalt, doch sich schmiegend und bergend in eine Kinderbrust, hervorguckend aus einem Kindesauge wie das Osterhäschen aus Blumen! Das war ein anderer Herr und Gönner als der silbenstecherische Patron im Katechismus!
Früher hatte ich dergleichen etwas geträumt, die Ohren hatten mir geläutet, nun ging mir der Morgen auf in den langen Winternächten, welche hindurch ich an dreimal zwölf Bände des unsterblichen Propheten las. Und als der Frühling kam und die Nächte kürzer wurden, las ich von neuem in den köstlichen Morgen hinein und gewöhnte mir darüber an, lange im Bette zu liegen und am hellen Tage, die Wange auf dem geliebten Buche, den Schlaf des Gerechten zu schlafen. Dazumal schloß ich einen neuen Bund mit Gott und seinem Jean Paul, welcher Vaterstelle an mir vertrat, und mag diesen die wandelbare Welt in ihrer Vergänglichkeit zu dem alten Eisen werfen, mag ich selbst dereinst noch meinen und glauben, was es immer sei: ihn werde ich nie verleugnen, solange mein Herz nicht vertrocknet! Denn dieses ist der Unterschied zwischen ihm und den andern Helden und Königen des Geistes: bei diesen ist man vornehm zu Gaste und geht umher in reichem Saale, wohlbewirtet, doch immer als Gast, bei ihm aber liegt man an einem Bruderherzen! Was kümmert uns da der wunderliche Bettlermantel seiner Kunst und Art, der uns beide so närrisch umhüllt? Er teilt ihn mit uns, noch liebevoller als St. Martin, denn er gibt uns nicht ein abgeschnittenes Stück, sondern zieht uns unter dem Ganzen an seine Brust, während jene sich stolz in ihren Purpur hüllen und im innersten Winkel ihres Herzens sprechen: Was willst du von mir?«
Wir haben uns erlaubt, hier die ganze Passage zu zitieren.
aus »Menschliches, Allzumenschliches«, 1886
»Er war ein bequemer guter Mensch, und doch ein Verhängnis – ein Verhängnis im Schlafrock.«
aus »Tage und Taten«, 1896
»Von einem dichter will ich euch reden einem der grössten und am meisten vergessenen und aus seinem reichen vor hundert jahren ersonnenen lebenswerk einige seiten lösen von überraschender neuheit unveränderlicher pracht und auffallender verwandtschaft mit euch von heute damit ihr wieder den reinen quell der heimat schätzen lernet und euch nicht zu sehr verlieret in euren mennigroten wiesen euren fosfornen gesichtern und euren lila-träumen.«
aus »Blick auf Jean Paul«,
1913
»[…] herrlich nennt ihn der strenge Grillparzer in diesem einen: im Abspiegeln innerer Zustände. […] Diese Bücher und die in ihnen webende Gesinnung mögen halb vergessen sein und allmählich noch mehr in Vergessenheit geraten, wie leicht möglich ist, es ist gleichwohl in ihnen etwas vom tiefsten deutschen dichterischen Wesen wirkend, das immer wieder nach oben kommen wird: das Nahe so fern zu machen und das Ferne so nah, daß unser Herz sie beide fassen könne.«
Unsere Auswahl des Zitats: »Denn wessen Geist das Schöne überhaupt erfaßt, der kann auch nicht an irgendeiner Art des Schönen stumpf vorübergehen. Diese Gedichte, ohne Silbenmaß, aber von der zartesten Einheit des Aufschwunges und Klanges, sind die Selbstgespräche und Briefe der Figuren, ihre Ergießungen gegen die Einsamkeit oder gegen ein verstehendes Herz, ihre Träume, ihre letzten Gespräche und Abschiede, ihre Todes- und Seligkeitsgedanken; oder es sind Landschaften, Sonnenuntergänge, Mondnächte, aber Landschaften und Mondnächte der Seele mehr als der Welt. Die deutsche Dichtung hat nichts hervorgebracht, das der Musik so verwandt wäre, nicht so Wehendes, Ahnungsvolles, Unendliches.«
aus »Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen«, 1921
»In Jean Paul hat jenes geheimnisvolle Deutschland, das noch immer lebt, obwohl seit manchen Jahrzehnten ein anderes, lauteres, hurtigeres, seelenloses Deutschland ihm im Lichte stand, seinen eigensten, reichsten und verworrensten Geist geboren, eine der größten Dichterbegabungen aller Zeiten, dessen Werke einen wahren Urwald der Poesie darstellen.«
aus »Der eingetunkte Zauberstab«, 1934
»Der Zauberstab, von dem die Rede ist, ist der der Phantasie; die Feuchte, die ihn benetzt, die des Humors, den man aus unergründlicher Quelle sprudelnd sich denken mag. Zu Füßen eines biedermeierlich geblümten Felsens springt sie auf. Gelehnt an eine himmelblaue Göttin lagert dort der Dichter mit den melodischen Händen.«
Hans Wollschläger, 1981
»Ich meine ja, er ist zuletzt doch der Erste Name der deutschen Zeiten, Jean Paul.«
aus seinem Nachwort zu »Schulmeisterlein Maria Wutz«, Insel Verlag 1984
»Er hat sich – und vielleicht selten so wie der junge Autor im Wutz – sein eigenes Leben geschrieben. Es wird uns allen sanft tun. Es ist genug, meine Freunde.«
Wenn ich all diese Bewunderungen lese, stelle ich mir nur eine Frage: Warum ist Jean Paul verschwunden?
Wir wandern durch das Dörfchen Zwernitz. Die Burg lassen wir heute rechts liegen – wir wollen weiter. Es geht an schnuckeligen, alten Häuschen vorbei. Bänke und Milchkannen vor der Haustür. Fidel leine ich an. Wir finden Stationstafel 159.
Der Franken-Orden
[…] da die Menschen auf dem schlaffen Seile der seidnen Bänder am liebsten tanzen: so können in Ländern, die mit Metallsaiten bezogen werden sollen, gar nicht Basler Ordensbandfabriken genug errichtet werden, damit man die Menschen und ihr Geld bei der Ehre fasse!
Im ganzen Fürstentum Vierreuter steht nämlich kein Orden in größerem Ansehen als der französische oder neufränkische, den der Fürst selber
gestiftet, damit er zum Großmeister erhoben würde von sich. Nach der Analogie von Deutschmeistern und deutschen Herren nennt er sich Frankenmeister und die Ritter Frankenherren. Sie tragen […] im
Knopfloch an grünem Bande eine goldne Kröte; […]
Erstlich der Fürst selber, der, denk’ ich, den besten und daher teuersten Titel verlangen darf, legt – anstatt sich einen, z. B. das überteuerte blaue Hosenband aus England zu verschreiben, eine wahre Staats-Aderlaßbinde – ein inländisches Fabrikat um den Leib, das ihm keinen Heller kostet, sondern nur ein Wort, und er steht so gratis als Groß- oder Frankenmeister des Krötenordens fertig vor Europa da. Oder verlangt man, daß ein Herr, der das ganze Jahr Titel und Bänder an alle Welt, oft an die größten Tropfen und Ausländer ausgeworfen, sich selber zu nichts kreieren und durch kein Selbstband zeigen soll, wie er sich ehre? –
Sämtliche Zitate aus Jean Paul »Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch«
Hinter Zwernitz verläuft der Weg ein Stück auf der Landstraße. Das bedeutet immer Stress, weil auch Gruppen auf diesen Wanderwegen unterwegs sind. Da habe ich Angst, dass Autofahrer sie hinter einer Kurve nicht sehen und in sie hineinrasen könnten.
Zum Glück zweigt der Weg bald auf einen Wanderpfad ab. Es geht hinein ins Schwalbachtal. Knubbelige Felsen säumen den Weg.
Fränkisches Eingeborenenleben pur
Nun erreichen wir den Dorfplatz von Wonsees – und natürlich die beiden prima Gasthäuser: die »Metzgerei und Gastwirtschaft Tauer« und die urtypisch fränkische Einkehr »Zur Krone« der Familie Ganzleben.
In der »Krone« kann man sonntags fränkisches Eingeborenenleben in Reinform beobachten. Pünktlich um elf Uhr fallen die »Kahlfresser«, wie man sie hier auch liebevoll nennt, im Lokal ein. Auch der Nebenraum ist dann eingedeckt, denn es werden – wie jeden Sonntag – viele. Sehr viele. Und da die Bräten so günstig sind, kommt gleich die ganze Verwandtschaft mit – Uroma und Uropa inklusive.
Um halb eins ist der Spuk wieder vorbei. Alsbald rollt die zweite Schicht an. Das sind dann Leute wie wir, die es nicht früher schaffen, weil sie nicht aus den Federn kommen wollen. Der Vorteil der zweiten Schicht jedoch ist, man bekommt relativ gut einen Platz. Der Nachteil ist, es ist nicht sicher, ob es noch Schäufele gibt. Der »Wirsching«, wie man hier sagt, ist garantiert schon weg. Dafür kann man nach der Speisung gemütlich sitzen bleiben – eine dritte Schicht wird nicht erwartet. Zeit für ein Likörchen, noch ein Likörchen, ein Stück Kuchen mit Kaffee, noch ein Likörchen und Peter ein Bierchen.
Und wenn man Glück hat und in der Nähe der Kasse sitzt, darf man den Wirt dabei erleben, wie er die aktuell kumulierte Bonierung aus der etwas betagten Kasse lässt – den Umsatz checkt, könnte man auch sagen. Und da rattert die Kasse lange. Der Bonstreifen kringelt sich bis zum Boden und krabbelt unter die Tische. Die Rolle reicht gerade so aus. Es ist einfach schön zu sehen, wenn ein Wirt zufrieden ist.
Weiter geht es Richtung Wacholdertal, vorbei an der wunderschön restaurierten »Marktmühle mit dem Mühlen-Café«. Das Café ist in der alten Scheune untergebracht und mit kunterbunt zusammengewürfelten Möbeln eingerichtet. Man trinkt aus alten Sammeltassen und der Kuchen ist selbst gebacken. Herrlich!
Warum ist Jean Paul verschwunden?
Wir wissen, dass wir uns langsam dem Ende des Weges nähern. Nur noch zwei Stationstafeln. Wir sind traurig. Werden wir etwas Tröstliches zu lesen bekommen? Über das Wichtigste im Leben, vielleicht? Jean Paul hatte so viel zu sagen. Das wissen wir inzwischen. Auf diesem Weg sind wir ihm menschlich und inhaltlich näher gekommen. Wir haben ihn wirklich kennengelernt – nicht nur flüchtig, nicht im Vorbeigehen, sondern weil wir uns die Zeit genommen haben, weil wir gelesen, recherchiert, nachgespürt haben. Und dabei entdeckt: Jean Paul ist ein Wahnsinnsdichter! Einer, der reinhaut, der unter die Haut geht. Einer, der Kosmen und Wetterleuchten entwerfen konnte, als hätte er den Musikvideoclip erfunden, nur noch rauschhafter. Einer mit so liebenswerten, witzigen und skurrilen Figuren und Szenarien, als hätte er schon den Film gedacht. Sein unvergleichlicher Wortschatz und sein unglaubliches Wissen. Staunend knien wir nieder. Ein Schatz. Ein Klang, wie es ihn nur einmal gibt in der Literatur. Einer, der unbedingt gelesen werden muss. Einer, der es wert ist.
Und doch – trotz der Ehrung mit einem eigenen Weg durch seine Heimat – bleibt am Ende heute dieser Eindruck: Jean Paul? Den kann man auch links liegen lassen. So hat man es über die Jahrhunderte gemacht – und offenbar tut man es bis heute. Ehrlich, immer noch? Aus einer Art unreflektierter Tradition? Oder vielleicht sogar Absicht? Jean Paul fortwährend in die Ecke »schwer verständlich« und »nur für Literaturwissenschaftler geeignet« abzuschieben? So nach dem Motto: »Lies das besser nicht, das ist zu kompliziert für dich. Überlass das lieber den Experten.«
Damit man ihn als hochbegabten – und damit potentiell gefährlichen – Literatur-Konkurrenten endlich los ist? Damit bloß niemand auf die Idee kommt, ihn zu lesen oder – Gott bewahre – sogar zu mögen? Damit er exklusiv bleibt – eine Trophäe, mit der sich nur Literaturwissenschaftler, Kritiker oder Schriftsteller schmücken, um zu zeigen, wie gebildet sie sind? Jean Paul – am Ende nichts weiter als ein ewiger Geheimtipp? Und unsichtbar für alle, die gerne gut lesen.
In der Schule? Kein Wort von ihm. Nicht bis zum Abitur. Warum eigentlich? War er den Lehrern zu sperrig? Hat er sie mit seinen Lehrerkritiken vergrault? Oder hatten die einfach keine Lust, sich mit seinem »Wirrwarr« auseinanderzusetzen? Später – ja, da fiel mal sein Name. Nur der Name. Und den merkt man sich, weil er so schön französisch klingt.
Hat er einfach verloren, weil er keine Dramen, keine Balladen geschrieben hat – nur Romane, Satiren und jede Menge Aphorismen? Hat man ihn dafür ins Kalenderblatt-Exil verbannt, so als literarischen Frauenkram? Oder wurde er bestraft, weil er sich von den Cliquen der Jenaer Romantik-Erfinder fernhielt?
Er war keiner von den studierten Literaturfürsten. Keine Uni-Karriere – nur einer, der sich alles selbst beigebracht hat. Autodidakt. Das ist im Literaturbetrieb immer etwas, worüber gerne gehetzt wird. Doch Jean Paul hielt stand. Hat mit seinen Vorreden zur Vorrede zur Vorrede jeden denkbaren Vorwurf vorab aufs Brillanteste pulverisiert. Jedem Kritiker oder jedem Kollegen war er haushoch überlegen.
So etwas wäre Goethe nie eingefallen. Goethe, der Jurist, der Adelige, der Minister und Netzwerk-König brauchte es auch nicht – er benutzte geschickt die Spielregeln. Und wenn nötig, hat er selbst Epochen erfunden. »Sturm und Drang«, »Weimarer Klassik« – alles der Marke Eigenbau. Trickreich umziert mit Antike, damit es groß und ewig erscheint.
Googelt man »Goethe«, ist Goethe da. Immer. Überall. In jedem Bildungsprogramm, in jedem Reiseführer, in jeder Bücherliste. Die Goethe-Institute tragen seinen Namen bis in den letzten Winkel der Erde. Googelt man »Weimarer Klassik« oder »Romantik« – kein Jean Paul. So läuft das, wenn man sich nicht ins große Narrativ einkauft. Aber der Modernste von allen, Jean Paul, der Moden nicht bediente, sondern wie ein Luftschiffer über sie hinwegflog, wurde vom Literaturbetrieb zwar hochgelobt – aber zuverlässig vergessen. Man könnte den Prozess auch Marginalisieren nennen.
Kaum Jean Paul im Netz. Kaum Jean Paul in den Köpfen. Kaum Jean Paul in der Welt.
Der Schatz des Jean Paul
Ich hätte mir so sehr gewünscht, Jean Paul schon viel früher begegnet zu sein. Hätten wir damals in der Schule den »Wutz« gelesen – ich bin sicher, ich hätte mich weiter mit ihm beschäftigt – so wie heute. Heute weiß ich: Jean Paul ist – in seinem Dichtersein – vor allem eines – ein Mensch. Einer, der mit seinem ganzen Leben vor mir steht. Und er spricht direkt in mein Leben hinein.
Warum kann er das? Weil er der Sohn eines predigthaltenden Pfarrers war? Weil er vielleicht glaubte, dass man sich das Recht, zu Menschen zu sprechen, erst mühsam erarbeiten muss? Ich muss sagen: Er, Jean Paul, hat dieses Recht wie kein anderer. Er darf zu mir sprechen. Mein Herz hatte ihn längst erkannt – lange bevor mein Verstand es wusste.
Wir lassen nun die letzten Häuser von Wonsees hinter uns. Vor uns öffnet sich das Wacholdertal. Links an den Hängen wachsen die für diese Gegend typischen Zypressengewächse. So etwas sieht immer wieder romantisch aus. Aber im Moment interessiert mich ein heiterer »Mooskugelfrucht-Baum« direkt am Wegesrand. Er ist voller kleiner, grüner Kügelchen. Was das wohl ist? Ich weiß es nicht. Was weiß ich eigentlich?
Dann ruft uns Stationstafel 160 mit ihrer Bank zur Rast.
Freundschaft
Man kann Liebe und Freundschaft nur so lange entbehren, als man sie noch nicht genossen hat.
Zürnet dein Freund mit dir, so verschaff ihm eine Gelegenheit, dir einen großen Gefallen zu erweisen; darüber muß sein Herz zerfließen und er wird dich wieder lieben.
Der Jugendfreund, der Schulfreund, wird nicht vergessen, denn er hat etwas von einem Bruder an sich.
Daran erkenn ich den Freund, daß er mich oder sich nicht unterhalten, sondern bloß dasitzen will.
Fidel hüpft munter vor uns her. Langsam zieht sich der Himmel mit Wolkenbänken zu und lässt rasch graue Schatten über uns gleiten. Auf breiten Wegen geht es wieder ein wenig hinab ins Tal, jetzt durch Wäldchen hindurch, dann an Waldrändern entlang und wieder bergan über ausgedehnte Felder. Schnurgerade zieht uns der Weg empor. Wir können nun weit sehen. Ganz oben wartet ein einsamer, großer, starker Baum auf uns. Er könnte in die Wolken greifen.
Wir laufen still. Auf einmal ist alles still, wo eben noch viel Trubel war, an diesem Samstagnachmittag. Fast glaube ich, wieder Rauch aus Kaminen zu riechen, so sehr wünschen wir uns Wärme. Für den nahenden Winter.
Unser Weg führt nicht zum großen Baum. Kurz davor biegt er nach links ab, so weisen uns die Zeichen den Weg. Ach ja, jetzt sehen wir auch, warum, denn auf einmal liegt das Dorf Kleinhül wieder vor uns. Es ist das endgültige Ziel des Jean-Paul-Weges.
Fast schon feierlich erwarten wir nun die letzte Stationstafel 161 »Engel der Freundschaft«.
Engel der Freundschaft
Engel der Freundschaft! – vielleicht bist du der vorige Engel? .... ach! .... Dein himmlischer Flügel hülle Sein Herz ein und wärm’ es schöner, als die Menschen können – ach, du würdest auf einer andern Erde und ich auf dieser weinen, wenn an einem kalten Herzen Sein heißes, wie am gefrierenden Eisen die warme Hand, anklebte und blutig abrisse! .... O bedeck Ihn; aber wenn du es nicht kannst, so sag mir Seinen Jammer nicht!
O ihr immer Glücklichen in andern Welten! euch stirbt nichts, ihr verliert nichts und habt alles! – Was ihr liebt, drückt ihr an eine ewige
Brust, was ihr habt, haltet ihr in ewigen Händen. – Könnt ihrs denn fühlen in euren glänzenden Höhen droben, in eurem
ewigen Seelenbunde, daß die Menschen hienieden getrennt werden, daß wir einander nur aus Särgen, eh’ sie untersinken, die Hände reichen, ach, daß der Tod nicht das einzige, nicht das
Schmerzhafteste ist, was Menschen scheidet? – Eh’ er uns auseinandernimmt, so drängt sich noch manche kältere Hand herein
und spaltet Seele von Seele –– und dann fließet ja auch das Auge, und das Herz fällt klagend zu, ebensogut als hätte der Tod zertrennt, wie in der völligen Sonnenfinsternis so gut wie in
der längern Nacht der Tau sinkt, die Nachtigall klagt, die Blume zuquillt!
– Alles Gute, alles Schöne, alles, was den Menschen beglückt und erhebt, sei mit meinem Freunde; und alle meine Wünsche vereinigt mein stilles Gebet.
Jean Paul »Die unsichtbare Loge«
Die Schutzengel unseres Lebens fliegen manchmal so hoch,
dass wir sie nicht mehr sehen können,
doch sie verlieren uns niemals aus den Augen.
Allein diesen Satz von Jean Paul findet man überall. Sogar als Wandtattoo kann man ihn kaufen. Ich hatte recht: Er wohnt buchstäblich in unser aller Leben!
Unsere Mägen knurren. Jetzt beten wir zu Gott, dass die »Bauernstubn« in Kleinhül offen hat. Wir wären so selig. Außerdem wird’s langsam richtig frisch. Krähen ziehen über die Felder, im Dorf sägt jemand Holz. Fidel zieht an der Leine, als wüsste er, was uns erwartet.
Wir erreichen den kleinen Hof – und tatsächlich: ja, es ist offen! Und als wir die schnuckelige Stube betreten, bemerken wir erfreut, dass der Kachelofen volle Pulle geheizt wurde. Wärme strömt uns wohlig entgegen. Nur – wir sind die einzigen Gäste. Ist ein bisschen traurig, so ohne Geplapper und Bierkrug-Anstoßen. Wir bestellen eine große Brotzeitplatte, die es in sich hat, und dazu bestes braunes Nothelfer-Bier aus dem Wallfahrtsort Vierzehnheiligen. Dieses Bier wird schon seit 1803 gebraut. Vielleicht hat es Jean Paul auch schon einmal getrunken? Bei jedem Schluck denken wir an ihn. Ach, jetzt wäre seine – oder wenigstens eine – Gesellschaft schön!
Martin
So verspeisen wir ein wenig einsam unser Abendbrot. Fidel schnarcht hin und wieder, das durchbricht die Stille. Wir wollen gerade zahlen, da geht plötzlich die Tür auf, eine etwas ältere Frau rumpelt herein und fragt uns, noch außer Atem:
»Die haben doch offen?«
Wir: »Ja, ja.«
Sie: »Dann kann ich ja die andern holen …« und schwups ist sie wieder verschwunden.
Sie sieht aus wie eine nette Omi, mit roten Wangen und lustigen Augen. Von draußen hören wir Stimmengewirr und kurzes Gepolter, und dann plumpst eine kleine Bagage, Menschlein für Menschlein, in die Stube. Das sind der kleine Emil, der etwas größere Paul, die Omi, die wir jetzt schon kennen – und der Vater der beiden Jungs. Es ist Martin. Martin kennen wir, aber nur vom Sehen. Ein stattlicher Kerl. Er ist Zimmermann.
Einmal haben wir ihn von unserem Esszimmerfenster aus gesehen, wie er mit seinem Vater und seinem kleinen Sohn das alte, schöne – aber seit Jahren leerstehende – Haus gegenüber winterfest gemacht hat. Wir wussten, dass Martin der Eigentümer ist. Aber wegen der Größe des Hauses war es ihm fast unmöglich, es zu restaurieren. Es wäre in die Millionen gegangen. Verzweifelt sucht er nach einem Käufer – der sich aber nicht finden will. Und so muss Martin jeden Herbst wieder den bröckelnden Putz an der Fassade wegklopfen, nach losen Dachziegeln schauen und kaputte Fensterscheiben auswechseln.
So auch an jenem herrlichen Samstagnachmittag. Da kam Martin in seiner Zimmermannskluft. Schwarz, groß und elegant. Der kleine Paul sprang jauchzend aus dem Auto, Opa holte Werkzeug aus dem Kofferraum, und Martin sperrte das große Tor auf. Hier im Städtchen gibt es an Wochenenden kaum Verkehr, man hat die Straße für sich, kann ungestört arbeiten. Paul hilft mit, Planen am Haus entlang auszulegen, damit die Putzreste nicht das Kopfsteinpflaster verschmutzen. Der Opa stellt eine Leiter auf, Martin steigt hinauf und fängt an, oben den Putz abzuklopfen. Paul hat auch einen Hammer und klopft unten. Opa bringt ausgebeulte Eimer für den Schutt.
Wir saßen den ganzen Nachmittag da und schauten zu. Dieses Bild einer Familie ging uns noch das ganze Wochenende nach. So etwas Liebevolles hatte ich hier noch nie gesehen, seit wir hier wohnen. So seltsam – jetzt erst fällt es mir auf. Wir wissen, dass dieses kurze Heile-Welt-Schauspiel unten auf der Straße auch nur eine kleine Insel in ihrem Leben ist. So viel weiß man von einander in einem Städtchen, auch wenn man sich eigentlich nicht kennt, nie miteinander gesprochen hat.
»Wie geht es euch?« fragt uns Martin über die Gasttische hinweg, den kleinen Emil auf dem Schoß haltend. Die Oma bestellt Bratwürste. Paul greift nach dem Spielzeug auf der Fensterbank. Wir wundern uns über die so unvermittelt an uns gerichtete Frage, als ob wir uns schon seit Urzeiten kennten. Martin weiß auch unsere Namen, weiß, wer wir sind.
Wir spüren, Martin meint die Frage ernst. Und nun strickt sich von Tisch zu Tisch eine Zusammenkunft, die verbündeter kaum hätte erwachsen können. Was für eine Überraschung! An diesem Nachmittag erfahren wir so viel von uns allen, von unseren Sorgen und Nöten und Kämpfen, lassen die Schnörkel weg, für Verzierungen hat niemand mehr Sinn. Wundersam. Sekunde für Sekunde tropfen Minuten des Glücks in unsere Hände. Wie war das möglich?
Irgendwann erzählen wir, dass wir heute hier den Jean-Paul-Weg fertig gegangen sind. Und da kennt Martin auch Jean Paul! Und dann sagt Martin, ebenso unvermittelt mit Bestimmtheit: »Wahrhaftigkeit. Wahrhaftigkeit – das ist doch das Wichtigste im Leben. Überhaupt Wahrhaftigkeit.«
Als Peter und ich im Auto nach Hause fahren, schießen uns Tränen in die Augen. So etwas gibt es nicht! denken wir. Nach so viel Einsamkeit lösen sich auf einmal alle Nebel auf und Menschen werden einander sichtbar. Da, sie sind da, da sind sie! Ich habe immer zu Peter gesagt, es muss doch gute Menschen geben! Alle Geschichten erzählen davon, von Freundschaft, Hoffnung und Liebe. Auch so viele Filme! Aber da sagte ich auch zu Peter, es sind wohl leider nur Märchen. Dann denke ich wieder, nein, die Geschichtenerzähler, das sind doch auch Menschen, die sehnen sich doch auch danach, das sind konkrete Menschen, die wollen das auch! Wir sind nicht allein!!!
– und ich sehe uns alle von Kühle und Abend umgeben – weit von den Sternen abgerissen – von Johanniswürmchen belustigt,
von Irrwischen beunruhigt – alle einander verhüllt, jeder einsam und sein eigenes Leben nur fühlend durch die warme pulsierende Hand eines Freundes, die er im Dunkeln hält. – –
Jean Paul
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