34. Der alte Markgrafenweg

Arkadienweg: Neustädtlein – Braunstein – alter Markgrafenweg – Alladorf (sehr schön)
Arkadienweg: Neustädtlein – Braunstein – alter Markgrafenweg – Alladorf (sehr schön)

Arkadienweg: Neustädtlein – Braunstein – alter Markgrafenweg – Alladorf


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Den kompletten Verlauf des Jean-Paul-Wegs finden Sie hier: Literaturportal Bayern

Mittwoch, 17. Oktober 2012. Teile dieser Etappe sind wir bereits unzählige Male gelaufen – lange bevor wir den Jean-Paul-Weg entdeckten. Denn der bequeme Weg über die Höhen ist zum Niederknien. Bei schönem Wetter darf man hier in den prächtigsten Sonnenuntergängen baden.

Von Neustädtlein aus geht es zunächst an Ackerflächen vorbei stetig sanft bergan. Blicke zurück lohnen sich immer. Verträumt liegt nun das kleine Dorf im Tal, umhangen von letzten Nebelwolken. 

Dann dürfen wir wieder in das Zauber­reich eines dunklen Hohlweges treten. Ein Zauberreich, in dem alle Geschöpfe der vergangenen Jahrhunderte, die hier einmal wandelten, uns heute begegnen. Jedes von ihnen, ob mit Kummer beladen oder voll Hoffnung uns entgegenschwebend. Jedes Geschöpf trägt uns mit hinauf zur lichten Höhe, damit wir sehen, wohin unsere Reise gehen wird, auch wenn der Weg sich gerade verfinstert. »Ich bleibe an deiner Seite«, lautet ihre mächtige Zauberformel. 

Hohlweg bei Neustädtlein
Hohlweg bei Neustädtlein

Und Stationstafel 149 reicht uns immerzu zärtlich ihre Hand.

Trost

 

Komm, liebe müde Seele, die du etwas zu vergessen hast, entweder einen trüben Tag oder ein überwölktes Jahr, oder einen Menschen, der dich kränkt, oder einen, der dich liebt, oder eine entlaubte Jugend, oder ein ganzes schweres Leben; und du, gedrückter Geist, für den die Gegenwart eine Wunde und die Vergangenheit eine Narbe ist, komm in meinen Abendstern und erquicke dich mit seinem kleinen Schimmer, […]

Jean Paul »Hesperus«

 

 

Das Ziel meiner literarischen Eintagsfliegen ist: den Menschen Ruhestätten zu zeigen schon vor der tiefsten, sie mit den Toren zu versöhnen auf Kosten der Torheit, ihnen in der Wüste Blumen, an Pedanten Freunde, am Hof Tugenden, im Schmerz die Seligkeit, in der Armut einen ebenso großen Reichtum, und sogar in diesem einen, und auf der ganzen Erde zwei Himmel zu zeigen, einen jetzigen und einen künftigen.

 

Ich träumte in der Weihnachtszeit, ich wanderte durch die Tiefen des Himmels und sah einen Engel über Wolken gehen. Die Lichtgestalt lächelte und trat zu mir und sagte: »Kennst du mich? Ich bin der Engel des Friedens. Ich tröste die Menschen und bin bei ihnen in ihrem großen Kummer. Wenn er zu groß wird, wenn sie sich auf dem harten Boden der Erde wundgelegen haben, so nehme ich ihre Seelen in mein Herz und trage sie zur Höhe und lege sie auf die weiche Wolke des Todes nieder. Alle diese Wolken ziehen mit ihren Schläfern gen Morgen, und wenn die Sonne aufgeht, erwachen sie und leben.«

Jean Paul »Die unsichtbare Loge«

Wenn der Kummer zu groß wird, zu groß wird, Kummer zu groß wird. Dann entsteigt man seinem Lebensreise-Raumschiff – hinaus in das wärmeverheißende Schwarz des Weltalls aus Nicht-mehr-Sein. Da sehe ich in der Ferne Jean Paul, er reicht mir eine Hand, die ich ergreifen kann. Er bettet mich auf einer Wolke und deckt mich zu. Die Reise zum Morgen beginnt, fliegend, an all meinen Seiten begleitet von anmutigen Schimmeln, so behänd und voller Treue und Kraft.

 

Langsam erreichen wir die Höhe. Erste Ausblicke tun sich auf. So viel Grün auf so vielen weiten Wiesen an diesem herrlichen Herbsttag!

»Guck mal, Peter«, jauchze ich, »fast wie in Irland!« Ich war noch nie in Irland.

Zwischen dem Braunstein und Alladorf
Zwischen dem Braunstein und Alladorf

Später, am Rand eines Wäldchens, entdecken wir den »Braunstein«. Er ist ein Gedenk­stein. Von ihm ist auf der nächsten Landschaftstafel 23 die Rede.

Der Braunstein
Der Braunstein

Der Braunstein

 

Dieser Stein steht an einem Weg, der seinerzeit den Rang einer hoheitlichen Straße besaß und der sich an dieser Stelle als Hohlwegbündel den Hang des Vogelhanges nach Eschen hinunterzieht. Die Dichterfreunde Wackenroder und Tieck konnten ihn auf ihrer »Pfingstreise« 1793 beim Vorbeireiten ebenso wenig sehen wie der Dichter Jean Paul bei seinen Ausflügen nach Sanspareil, denn er war zugewachsen.

 

Der »Braunstein« wurde im Jahre 1702 gesetzt, und zwar für den Bürgermeister Hans David Braun, der aus Wonsees stammte und hier am 22. Februar 1702 un­versehens vom Schlag getroffen wurde. An seinem Todestag war er »in Spitalver­richtungen« nach Tannfeld unterwegs, starb also sozusagen auf einer Dienstreise auf einer damaligen »Staatsstraße«.

 

Der schön renovierte Stein ist einige Meter von hier gut zu entdecken, aber vielleicht immer noch schwer zu entziffern, daher hier der Wortlaut in der alter­tümlichen Rechtschreibung. (Anm. meinerseits: Bis weit in die Mitte des 18. Jahr­hunderts kann man noch von überhaupt »keiner« Rechtschreibung sprechen. Mit anderen Worten, jeder schrieb, wie er wollte oder so, wie er glaubte, dass es richtig sei. Siehe auch wikipedia zu diesem Thema.) Auf der Rückseite lesen wir die Klage der trauernden Witwe und danach den Trost, den der Verstorbene der sorgenden Frau zuspricht. 

Inschrift auf dem Braunstein:

 

»Mein Wanderer stehe still

beschaue diesen Stein

und liß die schWartze Schrifft.

denckstu Was mag es seyn,

so Wiße, daß hier ein Trauer fall geschehen

Herr Bürgermeister Braun

ist hier am schlag erblast,

im augenblick Ward er lebhafft und Tod gesehen

da er die Straße reist, Ward er der Welt entrißen,

nun muß durch solchen fall

ihn hauß und Rathauß missen,

doch Wohl, Weil Gottes Schos ihn eWiglich umfast.

 

Mein leser denck hierbey auch an dein lebens Ende,

Wer Weiß, Wo Jeder noch,

den letzten Abschid nimbt

befihl, in dem du gehst,

die Seel in Gottes hende,

Gott hat auch deinen Todt

an seinen Ort bestimmt.« 

 

So geschehen den 22. Feb:A(nno) 1702.

Sobald folgt Stationstafel 150.

Sind wir nur Gottes Handschuh?

 

Das Dasein Gottes beweisen, sowie bezweifeln, heißt

das Dasein des Daseins beweisen oder bezweifeln.

 

Eine Religion nach der anderen lischt aus,

aber der religiöse Sinn, der sie alle erschuf,

kann der Menschheit nie getötet werden;

folglich wird er sein künftiges Leben

nur in mehr geläuterten Formen beweisen und führen.

Beide Zitate aus Jean Paul »Levana oder Erziehlehre«

 

Verzweiflung ist der einzige echte Atheismus.

Jean Paul »Dämmerungen für Deutschland«

 

Der Ungläubige an die Menschheit wird ebenso oft betrogen,

als der Gläubige an die Menschheit.

  

 Tun unsere Hände nicht,

sondern die göttliche Hand durch unsere:

so sind wir nur Gottes Handschuhe.

 

Es ist beinahe nicht so nötig,

zur Religion zu erziehen als zum Heitersein.

Jean Paul »Nachlass«

Bei dieser Stationstafel stehen zwei Menschen und lesen. Wir freuen uns über diese Art Begegnung, denn das passiert sonderbarerweise so selten auf diesem Weg. Wir warten, bis sie weitergehen, und verweilen noch ein wenig bei der Tafel. Die Stimmung ist so still. Das Getriebe des Sommers scheint zur Ruhe zu kommen. 

 

Ich höre einen Specht hämmern. Er klingt so nahe. Da denke ich: »Heute nehme ich mir die Zeit, ihn zu suchen, um ihn auch einmal sehen zu können.« Lange muss ich zwischen den Baumwipfeln hin und her schauen. Habe Angst, dass er fortfliegt. Aber ich höre ihn immer wieder – er ist noch da! Dock, dock, dock, dock, dock – er kann nicht weit entfernt sein. Und dann entdecke ich ihn tatsächlich – als dunkle Silhouette zwischen Kiefernzweigen. Ja, jetzt höre und sehe ich ihn! Er ist der erste Specht meines Lebens, dem ich beim Hämmern auch zu­sehen kann.

 

Nun betreten wir die große Hochebene. Dunst liegt opalfarben über den ge­pflügten Feldern. In den Furchen lassen sich die ersten Saatkrähen nieder. Vor uns entfaltet nun eine der schönsten Aussichten dieser Gegend – bis hin zum Tafelberg der Neubürg. So weit schauen zu dürfen! Der Brustkorb weitet sich, und man atmet tief hinein. So wohltuend sind gute Aussichten.

Der alte Markgrafenweg mit Blick auf die Neubürg
Der alte Markgrafenweg mit Blick auf die Neubürg
Der alte Markgrafenweg
Der alte Markgrafenweg

Hier steht Stationstafel 151 neben uns – als »Das Menschen-Ich«.

Das Menschen-Ich

 

Es gibt schauerliche Dämmeraugenblicke in uns, wo uns ist, als schieden sich Tag und Nacht – als würden wir gerade geschaffen oder gerade vernichtet – das Theater des Lebens und die Zuschauer fliehen zurück, unsre Rolle ist vorbei, wir stehen weit im Finstern allein, aber wir tragen noch die Theaterkleidung, und wir sehen uns darin an und fragen uns: »Was bist du jetzo, Ich?« – Wenn wir so fragen: so gibt es außer uns nichts Großes oder Festes für uns mehr – alles wird eine unendliche nächtliche Wolke, in der es zuweilen schimmert, die sich aber immer tiefer und tropfenschwer senkt – und nur hoch über der Wolke gibt es einen Glanz, und der ist Gott, und tief unter ihr ist ein lichter Punkt, und der ist ein Menschen-Ich. –

Jean Paul »Siebenkäs«

 

 

Der innere Mensch wird, wie der Neger, weiß geboren, und vom Leben zum schwarzen gefärbt. […] wie nach den ältern Theologen nur die erste Sünde Adams, nicht seine andern Sünden auf uns forterbten, da wir mit einem Falle schon jeden andern Fall nach­taten: so bewegt der erste Fall und der erste Flug das ganze lange Leben. Denn in dieser Frühe tut der Unendliche das zweite Wunder; Beleben war das erste. Es wird nämlich von der menschlichen Natur der Gottmensch empfangen und geboren; so nenne man kühn jenes Selberbewußtsein, wodurch zuerst ein Ich erscheint, ein Gewissen und ein Gott – und unselig ist die Stunde, wo diese Mensch­werdung keine unbefleckte Empfängnis findet, sondern wo in derselben Geburtminute der Heiland und sein Judas zusammentreffen. Man hat diese einzige Zeit, auf die Umgebungen und Früchte derselben noch zu wenig gemerkt. Es gibt Menschen, die sich tief bis an die Grenzstunde hinein besinnen, wo ihnen zum erstenmal das Ich plötzlich aus dem Gewölke wie eine Sonne vorbrach und wunderbar eine bestrahlte Welt aufdeckte.

Jean Paul »Levana oder Erziehlehre«

Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 151 »Das Menschen-Ich«
Auf dem Jean-Paul-Weg – Stationstafel 151 »Das Menschen-Ich«

Wir gehen den alten Markgrafenweg besonders gerne im Herbst oder Winter. Hier oben scheint die Sonne noch lange, während es in den Tälern schon kalt und finster wird. Mehr über diesen wunderschönen Höhenweg erfahren wir endlich auf der kommenden Landschaftstafel 24.

Der alte Markgrafenweg

(Zwischen »Pfarrhügel« und Alladorf)

 

Die Straße über die steinige Höhe ist alt. 1692 beschreibt Magister Will in seinem Teutschen Paradeiß (über ihn haben wir schon etwas in der 13. Etappe erfahren) Alladorf an der Landstraße, »die von Bayreuth nach Bamberg gehet«. 1720 wird sie auf der Karte des Amtes Zwernitz von Johann Georg Dülp als »Chemin de Bayreuth« (Straße nach Bayreuth) bezeichnet. 1742 bestätigt eine Urkunde die Strecke zwischen Alladorf und Vogelherd in einer Grenzbeschreibung als »Alladorfer Straß, so gen Bayreuth gehet«. Die örtliche Überlieferung kennt den Weg von Bayreuth über Eschen, Alladorf und Kleinhül nach Sanspareil als Markgrafenweg, der wohl auch mit Kutschen befahren wurde. So ist er jedenfalls auf einer Radierung von Johann Thomas Köppel zur Fertigstellung des Lustgartens 1748 illustriert. 

Und 1796 erzählt Friedrich Philipp Wilmsen von einer Reise nach Sanspareil auf dieser sonst wegen ihrer vielen Steine schlecht beleumundeten Straße: »Die Hekken von Schlehdorn, welche hier überall die Felder umzäunen, geben ihnen in dieser Jahreszeit durch ihre schönen wolligten Blüthen einen ganz eigenen Reitz. Man kommt auf dem ganzen Wege nur durch ein einziges Dorf, Annendorf [=Alladorf], und die Lage dieses einen ist überraschend schön …« 

Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen dem »Pfarrhügel« und Alladorf – Landschaftstafel 24 »Der alte Markgrafenweg«
Auf dem Jean-Paul-Weg zwischen dem »Pfarrhügel« und Alladorf – Landschaftstafel 24 »Der alte Markgrafenweg«

Unter den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir Alladorf, das Ziel unserer heutigen Etappe. Fidel möchte noch einmal sonnenbaden und wittert auf den Wiesen vermutlich erste Mäuse, die denselben Plan haben. So schnuppert er sich durch goldleuchtende Gräser, und wir freuen uns an der lustigen Pudelsilhouette vor untergehender Sonne.

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